Chuck Klosterman - Fargo Rock City

Erscheinungsjahr:2007
Autor:Chuck Klosterman
Homepage:www.rockbuch.de
Sprache:deutsch
Verlag:Rockbuch Verlag

„Ich konnte nicht singen und spielte kein Instrument, aber ich wusste: Ich konnte rocken“

Chuck Klostermann, Redakteur (Spin Magazine, New York Times Magazine, Washington Post usw.) und Buchautor wagte sich als Musikjournalist und Popkultur-Intellektueller an eine Aufarbeitung seiner großen Jugendliebe, dem gerade popkulturell vielverschmähten Glam Metal der 80er Jahre, oder nach der Sichtweise eines inmitten amerikanischer Provinz aufgewachsenen Jugendlichen dem klassischen Heavy Metal, wie auch der Untertiel des Buches „Eine Heavy-Metal-Odysee in Nörth Daöta“ suggeriert.

Diese pointenreiche, zutiefst subjektive Betrachtung ist gespickt mit Analysen und Auseinandersetzungen zu unzähligen Songs, Bands und Videos aus dieser Ära, die stets auch gesellschaftliche Zusammenhänge und rockhistorische Fakten gegenüberstellen.

Klostermans Popkulturanalysen sind großteils stimmig und trotz zahlreicher polemischer Untertöne stets nachvollziehbar und äußerst bedacht, zudem extrem pointiert formuliert.
Interessant ist für Europäer sicherlich, wie unterschiedlich die amerikanische Sichtweise ist, was Rock'n Roll ausmacht, wie Heavy Metal eigentlich definiert wird, welche Bands maßgeblich diese Musik beeinflußt haben. Vor allem ist der grundsätzliche Zugang der Amerikaner zur Stilbeschreibung der Metalmusik interessant. Wann ist eine Band hard? Wann ist sie als heavy zu bezeichnen?

Die amerikanische Herangehensweise mittels Hair Metal und Arena Rock war auch uns Europäern nicht gänzlich unbekannt, schließlich wimmelte es auch hierzulande in sämtlichen TV-Stadionen von Clips bekannter 80er-Größen wie Mötley Crüe, Poison, Warrant usw. So groß war die Mucke in Europa aber nie, wie dort, wo viele derartiger Bands locker 20 000er Stadien füllten. Der Gegenpol dieser Mucke wird vom geschätzten Herrn Klostermann aber oftmals aberwitzig ins Lächerliche gezogen, was seine Analysen von Bands wie Slayer bis Dio bezeugen.

Was wir großteils unter richtigen 80er Metal verstehen, wird in diesem Buch zwar auch aufgezeigt, aber hat es nicht zum Inhalt. Ich nehme an, dass es auch in der USA den Krieg zwischen Posern und Thrashern gab. In Europa war es zumindest so. Klostermanns Sichtweise diesbezüglich ist mehr als klar, er macht ohnehin kein Hehl daraus.

Der Grundansatz des Buches ist aber mehr als stimmig: Aus mehreren völlig logischen Gründen wurde Heavy Metal von Grunge überrollt und getötet. Guns'n Roses versus Nirvana. Dieses Thema ist auch die große Stärke des Buches und wird rockhistorisch bis knapp zum Jahrtausendwechsel hinterfragt und mündet in der Frage, inwieweit Rockmusik generell als Teenagermucke zu bewerten ist oder als große Kunstform exisitert. Chuck Klostermann nimmt sich kein Blatt vor dem Mund und zerreisst viele ernsthafte 90er Jahre-Bands wie z.b. Rage Against The Machine in der Luft, um mittels sehr persönlich erzählter Saufeskapaden den reinen Party-Zugang zum Metal zu definieren.

Das ist alles legitim und grundsätzlich hat er aus seiner Sichtweise auch recht, wenn er Bands wie Iron Maiden, Queensryche oder Dream Theater popkulturell aufs Gröbste verunglimpft.

„Eine Band wie Dream Theater tat nie irgendwas von musikalischer Bedeutung.“

„Iron Maiden hatten eine sehr bizarre Fangemeinde – zahlreiche Musiker und eine Horde von einsamen Gestalten, die nicht tranken, nicht lächelten und mit niemanden redeten, der noch halbwegs lebendig war“

Andrerseits hat er naturgemäß in diesen Fragen völlig unrecht, vor allem, wenn man künstlerisch an die Sache rangeht und den Faktor Popkultur aussen vor lässt.

Die musikalische Sichtweise ist hier leider sehr beschränkt und entlädt sich in Klischeebetrachtungen von verpickelten Einzelgängern, die wirklich hochklassigen von Klassik und Jazz beeinflussten Bands als Metalausgangspunkt gewählt haben. All das wird aber derart charmant erzählt mittels vieler persönlicher Erlebnisse und rockhistorisch schon sehr realistisch dargestellt, so dass man ihm als wohl großen Popkultur-Diskutant niemals böse sein kann.

Dieses Buch ist Metal-spezfisch sehr bedeutend. Es dürfte das Einzige seiner Art sein und sollte auch jüngere Metalfans ansprechen. Rockhistorisch ist Fargo Rock City unersetzlich, vor allem auch für Leute, denen der Zugang fehlt oder die das nicht miterlebt haben. Led Zeppelin, Black Sabbath, Ozzy Osbourne (kein Wunder, dass Chuck Dio gehasst hat) werden wirklich zerpflückt und durchanalysiert. Die unglaublich ehrlichen und sehr persönlichen Erfahrungen mit Bands wie Guns'n Roses und Mötley Crüe (Klostermans Liebkinder) sind derartig humorvoll beschrieben, dass die zeitgeistigen Querverweise denen ansonsten immer eine unglaubliche Bierernsthaftigkeit anhaftet, hier trotz aller Boshaftigkeit niemals schmerzen, falls man Musik einfach als Musik betrachtet, wie 90% aller Musikkonsumenten das tun, denen popkulturelle Analysen am Arsch vorbeigehen.

In der fast schon drammatischen Selbstreflexion seiner selbst in den 90ern hat Klostermann auf den brodelnden Underground völlig vergessen, der Metal in diesem Jahrzehnt am Leben lies und sich in der USA in einer starken Death Metal-Szene und europäisch gesehen sich zusätzlich im aufkeimenden Black Metal gezeigt hat. Den weltweiten Wieder-Aufstieg des richtigen Metals gegen Ende des alten Jahrtausends hat er wohl nicht mehr mitbekommen, das war aber wohl auch niemals sein Zugang.

Er hat den Weg gewählt, den auch in Europa viele ehemalige Metalheads in den 90ern gegangen sind: Der musikalische Sprung hin zu Grunge, Crossover und Indierock. Glücklich hat diesen Weg aber die wenigsten gemacht, denn dieser Zugang hat eine logische, nicht immer freundliche Abrechnung mit der metallischen Vergangenheit unumstösslich zum Begleiter, gleichzeitig zeigt sie knallhart auf, dass man für Neues oftmals nicht mehr bereit zu sein scheint.

„Es kommt mir fast so vor, als verkörpern Korn all das, was alte Menschen an Kindern hassen. Sie verschmelzen die drei widerlichsten Elemente der modernen Musik: das dumpfe Dröhnen des Metal, den geistestötenden Rhythmus des Rap und das unerträgliche Geheul von Hardcore-Thrash.“

Wie auch immer, der Blick von aussen macht dieses Buch zeitgenössisch wichtig und vor allem ist es die Abrechnung mit einer Musik, die bislang niemals derartig aufbereitet wurde. Der extrem lockere und geistreiche Schreibstil dieses 280 Seiten langen Schmöckers scheint auch bei der Übersetzung nichts von seinem Charme verloren zu haben.

Ordern könnt ihr Fargo Rock City auf www.rockbuch.de
10 Punkte von 10

von: Aamon