Metalfanatics - Interview
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Lydia's Gemstone: Experimente in Text und Ton

Lydia's Gemstone haben erst kürzlich ihr Album "The New Melancholy" rausgebracht, welches eines der besten melancholischen Rockalben der letzten Jahre in Österreich ist. Zusätzlich gibt's seit kurzem auch ein Lyrik-Buch von Vocalist Markus Keimel mit dem Titel "Wörter haben Seele". Mal schauen, was der kreative Musiker und Dichter zu sagen hat...


erstellt: 2011-11-16
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metalfanatics: Viel um die Ohren gehabt zuletzt? Zuerst dein Lyrik-Buch, dann eure neue CD....

Markus Keimel: Ich hab' den Überblick noch nicht verloren :) Aber klar, im Moment fällt schon einiges an. Das ist aber klarerweise ja ein gutes Zeichen.

metalfanatics: Wo seht ihr euch eigentlich musikalisch? Ich weiß schon, dass ihr eher freidenkend agiert, aber was ist der kleinste gemeinsame Nenner?

Markus Keimel: Ich sehe Lydia's Gemstone ganz einfach keinem Genre zur Gänze zuordenbar. Gleich wenig gelingt es auch selbst mir eine Bezeichnung zu finden die unsere Musik gänzlich wiedergibt. Es ist definitiv Rock/Metal mit musikalischem sowie lyrischem Tiefgang. Ein Konzept das sich durch die Vielfalt an Einflüssen auszeichnet und durch welches sich Melancholie als schwarzer Faden zieht.

metalfanatics: Ist man als Musiker nicht hauptsächlich geprägt von seinen ersten musikalischen Erfahrungen im Teenageralter?

Markus Keimel: Eine ziemlich komplizierte Frage...ich würde sagen, JEIN! Es gibt sehr viele Bands/Songs die ich als Teenager gemocht habe, denen ich mittlerweile aber vom musikalischen Standpunkt gesehen gar nichts mehr abgewinnen kann. Die mich auch nachhaltig mit Sicherheit nicht geprägt haben. Ich glaube eher, dass es für meine Person prägend war im Laufe meines Teenager - Daseins so viel an unterschiedlichen Musikstilen selbst gemacht zu haben. Mit 13 habe ich Punkrock gespielt, später Metal in verschiedenen Arten sowie zeitgleich an Smooth-Jazz und Alternative/Rock - Projekten mitgewirkt. Und dies immer als Hauptsongwriter. Ich denke, dass dies in Summe Spuren hinterlassen hat.

metalfanatics: Erklär mal die verschiedenen musikalischen Vorlieben der einzelnen Musiker von Lydia's Gemstone...

Markus Keimel: Also ich und mein Bruder Christian (drums) sind große Jazz-Fans sowie absolut vernarrt in klassische Musik. Im Grunde kann ich sagen, dass wir so ziemlich alles hören was uns berührt. Yosh (Bass) hat ein ziemliches Faible für Funk-Bands der 80er Jahre, Soundtrack-Komponisten sowie diverse moderne Metal-Acts. Hannes (Guitars) ist auch ein ziemlicher Allrounder.

metalfanatics: Wie bringt man das zusammen?

Markus Keimel: Das ist absolut unkompliziert zumal ich alleiniger Songwriter bin, wir eine sehr klare und konkrete Vorstellung davon haben wie LG zu klingen hat und wir mit klarem Kopf an den Songs arbeiten. Das heißt wir wissen sehr wohl worin die Grenzen liegen diverse Einflüsse in die Band einzubringen. Ansonsten wäre da keine klare Linie mehr vorhanden. Dies soll aber klarerweise nicht heißen, dass wir uns musikalisch zu sehr einschränken oder limitieren.

metalfanatics: Was ist deine Aufgabe im Songwriting-Prozess?

Markus Keimel: Grundsätzlich kann man sich das folgendermaßen vorstellen: Es ist im Grunde aufgebaut wie die Anatomie des Menschen! Ich bringe mit fertigen Fragmenten sozusagen das Herz sowie überlebenswichtige Organe mit in den Proberaum *lacht*! Beim Arrangieren entstehen dann das Skelett sowie Muskulatur. Wenn du fühlst, dass der Song nun auch Seele bekommen hat, ist er sozusagen fertig.

metalfanatics: Was macht einen guten Song aus?

Markus Keimel: Gute Melodien, Originalität, Wiedererkennungswert und ein ausgeklügeltes Arrangement. Diese Frage ist eigentlich nicht wirklich zu beantworten. Es gibt auch meiner Meinung nach keine generell geltende Herangehensweise bzw. Antwort. Je nach Typ Song muss es einfach die richtige Umsetzung sein.

metalfanatics: Wann würdest du musikalisch sagen, dass du da nicht mehr mitmachst? Welche Stilistiken wären zuviel?

Markus Keimel: Ich habe wie gesagt eine sehr sehr klare Vorstellung wie Lydia's Gemstone zu klingen hat. Natürlich stehe ich wie auch die ganze Band aber in einem permanent fortlaufenden Entwicklungsprozess. Das heißt, es wird immer wieder Experimente geben, die neue Sounds mit sich ziehen. Allerdings werden diese nie in eine völlig unangebrachte Art und Weise "ausarten". Dazu steht es jedem offen ein Nebenprojekt zu starten. Ich für meinen Teil arbeite übrigens seit Monaten an klassischen Arrangements welche ich auch in absehbarer Zeit aufnehmen lasse und veröffentlichen werde. Vielleicht spricht man sich dann auch diesbezüglich wieder.

metalfanatics: Ich nehme an, dass dir die Songtexte sehr wichtig sind. Wie läuft bei dir der Songwriting-Prozess? Zuerst die Musik oder zuerst der Text?

Markus Keimel: Musik und Text sollten ein Gesamtkunstwerk ergeben. Musik basiert allerdings auf Melodie. Deswegen schreibe ich zuerst die Musik um zu sehen welche Stimmung durch diese erzeugt wird bzw. mag ich es, die Grundstrukturen des Gesangs als erstes festzulegen und dann die Gesangslinien mit dem Text zu komplettieren bzw. zurechtzuschleifen.

metalfanatics: Erzähl mal was generell über eure textliche Linie.

Markus Keimel: Die Texte sind was die Schreibweise betrifft eigentlich Gedichte. In dieser Form auch immer emotionale Momentaufnahmen. Ich war, was das Schreiben der Lyrics betrifft, nie ein Geschichtenerzähler. Meine Vorliebe für Aphorismen, Metaphorik und Wortspiele sind natürlich auch ein immer wieder vorkommender Teil der Lyrics.

metalfanatics: Wie frei ist sie? Was, wenn ein Bandmitglied einen der Texte moralisch bedenklich findet?

Markus Keimel: Ich thematisiere diesbezüglich eigentlich nichts, was man moralisch bedenklich finden könnte. Ich bin auch niemand der Musik als Plattform nötigt um persönliche Meinungen über Religion oder Politik zu verbreiten.

metalfanatics: Und warum ist das die bessere Methodik?

Markus Keimel: Für mich persönlich ist das die bessere Methodik weil ich mir diese Arbeitsweise über Jahre so angeeignet habe. Ich habe ganz einfach das Gefühl mit dieser Vorgehensweise das bessere Resultat zu erzielen.

metalfanatics: Du bist ja sehr umtriebig im Netz. Wie wichtig ist das für eure Band und bringt das auch messbar was?

Markus Keimel: Es ist mir einerseits sehr wichtig mit Leuten in Kontakt zu sein, die unsere Musik mögen bzw. genau verfolgen was bei uns so passiert. Zum Anderen schmeiße ich auch zum größten Teil das Management der Band. Da ist es natürlich erforderlich im Netz sein Unwesen zu treiben. Klar, warum sollte sich das nicht positiv auf die Band auswirken. Ich möchte so gut es geht für jedermann erreichbar bzw. greifbar sein und werde das auch solange es möglich ist in diesem Maße machen.

metalfanatics: Erzähl mir mal was über euren Deal. Ist das nur ein Vertrieb etc.... Und bringt das einer kleinen Band überhaupt Kohle? Oder ist das Musizieren generell ein Verlustgeschäft, wenn man unter einem bestimmten Bekanntheitsgrad agiert?

Markus Keimel: Wir haben bei Twilight einen Label-Deal unterschrieben. Je nachdem, wie du's anstellst. Am meisten Kohle wirft natürlich das Live-spielen ab, keine Frage. Verlustgeschäfte machen generell nur Leute, die falsch kalkulieren. Musik zu machen ist keineswegs ein Verlustgeschäft!

metalfanatics: Was sind eure nahen und fernen Ziele, ganz realistisch gesehen?

Markus Keimel: Eine Band zu gründen, Alben zu veröffentlichen und Konzerte zu spielen, lässt sich mit dem Pflanzen eines Baumes vergleichen. Du willst einfach, dass er so groß wie möglich wird und so viele Früchte trägt wie es möglich ist.

metalfanatics: Was sind eure nahen und fernen Ziele utopisch gesehen?

Markus Keimel: 3 mal hintereinander ausverkauft im Wembley Stadion *lacht*

metalfanatics: Wenn ihr euch in Österreich umschaut, seht ihr verhältnismäßig viel Talent und viel Möglichkeit, was Rockmusik anbelangt? Oder denkst du, dass das in jedem Land gleich gelagert ist?

Markus Keimel: Ich denke, dass es in Österreich leider nur wenige Bands gibt, die ein großes Maß an Eigenständigkeit aufweisen können und daher wahrscheinlich nie die Chance haben werden, international durchzustarten. Was die Möglichkeiten an sich betrifft ist Österreich, ehrlich gesagt, eine Katastrophe. Österreichische Bands werden viel zu wenig gefördert. Für Bands aus dem Rock und Metal-Bereich gibt es zu wenige Plattformen. Der Markt wäre aber stärker als in so manch größeren Ländern. Wir haben zB:. mit dem Nova Rock Festival eines der größten Festivals in Europa. Wenn man dann mal checkt, wie viele österreichische Bands auf diesem spielen, ist eigentlich alles gesagt. Bei anderen Festivals ist es meist dasselbe!

metalfanatics: Ihr seid ja grundsätzlich eine Band, die schon auch Metal ist. Ihr wirkt aber relativ open-minded. Viele Bands, die zuviel mit der Metalszene am Hut haben, werden von anderen alternativen Szenen belächelt, auch wenn sie durchaus dort für Furore sorgen könnten. Siehst du das auch so? Und wohin orientiert ihr euch?

Markus Keimel: Ob Bands belächelt werden kann ich nicht wirklich beurteilen. Für meinen Geschmack haben aber schon zu viele Menschen noch dieses Scheuklappen-Denken in der Birne. Vollends ordnen wir uns in gar keine Szene ein! Ich finde das auch generell etwas schwachsinnig! Ich habe nicht vor, ausgewählte Menschen mit meiner Musik zu bedienen.

metalfanatics: Wie sieht's auf dem Live-Sektor aus? Könntest du täglich eine intensive, sehr emotionale Show bieten oder hättest du Angst, wenn die Zahl eurer Live-Gigs zunimmt?

Markus Keimel: Ich denke das hängt von der Intensität der After-Show-Parties ab. Im Grunde kann ich es mir natürlich vorstellen, jeden Abend 100 % zu geben und sehr emotional zu agieren! Klarerweise ist dies aber auch nur für eine bestimmte Zeit möglich, da der Mensch bekanntlich keine Maschine ist! Für einen gewissen Zeitraum ist das absolut vorstellbar. Wenn man allerdings von Touren liest, die ein Jahr oder länger dauern, kann ich mir aber nicht ganz vorstellen, dass diese Strapazen ohne dem Nachhelfen von irgendwelchen Substanzen machbar sind. Und dies wäre für mich ein absolutes NO-GO!

metalfanatics: Wo spielt ihr demnächst?

Markus Keimel: Sämtliche Tourdaten sind für Frühjahr 2012 geplant. Dieses Jahr werden wir nicht mehr auf die Bühne gehen!

metalfanatics: Würdet ihr euch jemals einkaufen in eine Tour? Was haltet ihr eigentlich davon?

Markus Keimel: Ich denke das muss jeder für sich selbst entscheiden. Eine Kalkulationsfrage ist das Ganze natürlich auch. Wenn sich Ausgaben und Einnahmen in Waage halten, geht so etwas!

metalfanatics: Festivals stehen an nächstes Jahr. Ist es einfach, bei vielen Festivals unterzukommen?

Markus Keimel: Das kommt darauf an bei welchen Festivals man spielen möchte! Generell ist das aber nicht einfach!

metalfanatics: Mit welchen Bands würdet ihr gerne auf längere Tour gehen?

Markus Keimel: Für mich war es eigentlich ein Jugendtraum mit Type O Negative zu touren. Das ist nun leider so und so nicht mehr möglich. R.I.P - Peter Steele! Ansonsten habe ich aber keinen Favoriten!

metalfanatics: Wie schauen die Reaktionen auf eure Scheibe aus? Schlägt sich das auch auf Verkaufszahlen nieder?

Markus Keimel: Die Reaktionen sind durchwegs positiv, zum Teil sogar wirklich fast schon überraschend gut! Die Platte wird permanent gut bewertet und ich bekomme täglich mails von Leuten, die gratulieren, mir ihre Meinung sagen und sich zu dieser Band bekennen. Das ist natürlich eine tolle Bestätigung, löst auch große Motivation aus und schlägt sich ebenso positiv auf die Verkaufszahlen nieder .

metalfanatics: Hat man als Band überhaupt eine Möglichkeit, die legalen Downloads im Überblick zu halten?

Markus Keimel: Am liebsten wäre es mir ich könnte legale UND illegale im Überblick halten *lacht*

metalfanatics: Danke für das Interview

Markus Keimel: Ich danke ebenso für dies tolle Gespräch und die interessanten Fragen!

Wörter haben Seele

The New Melancholy


Das Interview führte: Aamon

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