Metalfanatics - Interview
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Dragony: Epische Chöre passen einfach nicht, wenn ich über den Toaster meiner Oma singe

Dragony haben kürzlich ein richtig gutes Power Metal-Album veröffentlicht. In Österreich beileibe keine Selbstverständlichkeit für eine junge Band. Wir haben mit Vocalist Siegfried über die Gründe der schwachen Stellung des Power Metals in Österreich, über die Wichtigkeit von Klischees, aber auch über das neue Album Legends gesprochen. Festival-technisch gibt’s die Jungs übrigens dieses Jahr auf dem Metalfest Austria zu sehen. Über www.dragony.net könnt ihr euch ein Package ordern, welches das Festival-Ticket zum regulärem Preis + Gratis-CD und Gratis-Shirt beinhaltet. Zusätzlich geben die Jungs am 3.4. 2012 in der Szene Wien ein eigenveranstaltetes Konzert, wo sie den Opener für Primal Fear und Brainstorm geben.


erstellt: 2012-01-04
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Metalfanatics: Wie lange habt ihr am neuen Album gearbeitet?

Siegfried: Es hat sich extrem hingezogen. Die Pre-Production haben wir bereits im Sommer 2010 begonnen. Die Aufnahmen selbst starteten im Dezember 2010. Im Mai 2011 waren wir mit den Aufnahmen fertig. Bis September war dann alles gemixt und gemastert. Unsere Studiotechniker waren übrigens Jakob Grabmayr und Frank Pitters von WildOneMusic.

Metalfanatics: Welches musikalische Konzept habt ihr verfolgt?

Siegfried: Das Grundkonzept ist einfach, dass wir alle auf klassischen Power Metal stehen im Sinne von Bands wie Hammerfall, Kamelot, Avantasia, Rhapsody, Edguy, Sonata Arctica, Stratovarious, also klassischen europäischen Power Metal. Für uns gehören auch die Klischees dazu. Es soll ruhig ein wenig „Over the Top“ sein. Es muss ein wenig lächerlich sein, es muss ein wenig kitschig sein. Wir haben versucht, diese Dinge übers Gesamtpaket durchzuziehen. z.B. über die Kostüme auf der Bühne, übers Artwork-Design.

Metalfanatics: Heißt „Over the Top“ auch selbstironisch?

Siegfried: Auf jeden Fall. Wir sehen uns zwar nicht als reine Verarschungsband wie Manowar oder Grailknights, aber nehmen uns da auch nicht 100%ig ernst.

Metalfanatics: Auch nicht im musikalischen Bereich?

Siegfried: Den nehmen wir total ernst. Das ist auch der Unterschied. Die Musik muss uns ja auch gefallen und deshalb hat auch die Produktion ziemlich lange gedauert.

Metalfanatics: Wie geht’s euch in Wien oder Österreich eigentlich als epische Power Metal-Band?

Siegfried: Es ist bekanntlich in ganz Österreich nicht leicht mit diesem Stil. Mittlerweile gibt’s aber einige Qualitäts-Bands, die auch international bekannt sind oder durchstarten. z.B. Edenbridge oder auch Visions Of Atlantis und Serenity. Ich glaube aber, dass wir die reinrassigste Power Metal-Band sind, die anderen sind doch mehr auf diesem Symphonic-Touch unterwegs. Wir sind die klassische Hammerfall-Ecke.

Metalfanatics: Geht ihr da also eher in die 80er?

Siegfried: Nein, wir sind eher „Späte 90er“, gehen also nicht in die Richtung angesagter Retro-Bands der Marke Steelwing oder Skull Fist, die beide nicht besonders gut sind. Nur weil man sich eine Leggins anzieht und auf Retro macht, heißt das nicht, dass man automatisch gut ist.

Metalfanatics: Ihr habt aber doch einige symphonische Anteile in eurer Musik...

Siegfried: Stimmt natürlich, einige Orchester-Samples sind dabei, aber es ist nicht so dominant, wie bei Nightwish, Kamelot oder Rhapsody. Bei uns wird sich das aber immer mit geradlinigeren Songs im Stil von Hammerfall die Waage halten und natürlich ist das auch noch handwerklich eine andere Dimension.

Metalfanatics: Ich nehme an, du schreibst eure Texte. Derartige Texte werden ja von anderen Genres belächelt. Was willst du damit ausdrücken?

Siegfried: Ja, das werden sie. Die lyrische Schiene ist genau die klassische Variante, also Herr der Ringe-Metal-mäßig: Epische Schlachten, große Dramatik und sämtliche Klischeewörter sind natürlich auch dabei. Um das geht’s ja auch. Epische Chöre passen einfach nicht, wenn ich über den Toaster meiner Oma singe. Natürlich bin ich froh, dass es Bands gibt, die über tagespolitische Themen singen oder über die Finessen zwischenmenschlicher Beziehungen, aber ich finde, das passt einfach nicht zu diesem Stil.

Metalfanatics: Die CD kommt als Eigenproduktion raus. Verfolgt ihr auch einen richtigen Deal?

Siegfried: Wenn es sich ergibt, gerne. Wir haben schon einige Labels angeschrieben.

Metalfanatics: Wie entsteht bei euch ein Song?

Siegfried: Meist kommt einer der beiden Gitarristen mit einem Grundgerüst. Der Songablauf, Hauptmelodien und Akkorde stehen schon fest. Dann arbeitet noch jeder seine Parts aus und es gibt hier und dort noch kleine Änderungen. Der Song selbst ist aber bereits da.

Metalfanatics: Kannst du die Emotionen beschreiben, die eure Musik ausdrückt?

Siegfried: Für mich ist's Glory Metal. Natürlich glorifiziert sie Fantasy, die es so nicht gibt. Dadurch kann man die Musik auch als träumerisch bezeichnen, weil sie eine Flucht aus der Realität ist.

Metalfanatics: Gab’s eigentlich ein durchgehendes Konzept als Grundlage fürs Album?

Siegfried: Eigentlich schon. Wir hießen ja früher „The Dragonslayer Project“, weil die Band als Studio-Projekt gedacht war und wir wollten eher in Richtung Rock-Oper. Wir wollten das mit einigen anderen Sängern aus Österreich verwirklichen und groß anlegen mit 20-25 Songs und fetter Storyline, aber wir sind dann eine wirkliche Band geworden, deshalb gab's auch den Namenswechsel in „Dragony“. Wir hatten da bereits 11 Songs fertig, aber wir wären wohl nie zu einem Ende gekommen, deshalb haben wir die Story auf ihre Basics zusammengekürzt, sehr elementar ohne große Details, einfach als Rahmenhandlung für die Songs. Die ersten 9 Songs beziehen sich jetzt alle auf die Storyline und es gibt eine kurze Zusammenfassung im Booklet, aber es ist nicht so detailiert, wie es z.B. Rhapsody mit ihren Geschichten machen oder wie es bei der ersten Avantasia der Fall war. "Sparta" ist als Bonus-Song vermerkt, weil er inhaltlich nicht zum Rest passt.
Die Vorgeschichte zeigt sich aber auch noch im musikalischen Bereich: Wir haben zahlreiche Gäste dabei: Ralf Scheepers (Primal Fear), Tom Tieber (Ecliptica), Kati Bilak (Siren's Cry) und auch einige Gastgitarristen: Van Alen (Ecliptica), Phil Porter (Siren's Cry) und Thomas Buchberger (Serenity).

Metalfanatics: Was hältst du eigentlich von den neueren, eher künstlich klingenden Power Metal-Produktionen, wo oft die Gitarren nicht fett klingen, dafür die Drums weit im Vordergrund sind?

Siegfried: Unser Produzent mag's generell lieber, wenn es natürlich klingt und ist kein großer Fan von den überproduzierten Scheiben, wo die Drums nur noch getriggert werden und nur noch Samples verwendet werden, insofern hat auch unser Album einen relativ authentischen Sound, auch wenn er nicht total natürlich ist, aber auch nicht so künstlich, wie ihn viele andere neue Power Metal-Produktionen haben. Im ersten Moment wirken diese Produktionen immer sehr fett und druckvoll, aber der Eindruck verblasst schnell, weil oft nicht wirklich eine Substanz da ist. Wir haben eine gute Mischung erreicht. Es klingt breit und fett, aber nicht überwiegend künstlich.

Metalfanatics: Wie diskutierst du mit Musikfans aus völlig anderen Szenen, die deine Musik und das Image nicht ernst nehmen?

Siegfried: Wir reden ja hier von Popular-Musik und diese hat sich immer über Image verkauft. Es haben ja schon oft miese Bands Erfolg gehabt, weil sie ein gutes Image gehabt haben und viele großartige Bands kennt keine Sau, weil sie sich nicht verkaufen können. Das Gesamt-Package muss einfach passen. Es muss auch das Drumherum stimmen, da muss man eben auch noch was bieten. Das muss natürlich wen ansprechen, der damit was anfangen kann. Ich hab das bei Hammerfall auch immer gut gefunden, auch wenn z.B. Oscar, der mit seinen 1,90 plus Rüstung völlig lächerlich ausschaut, er hat's wenigstens durchgezogen.
Die Black Metal-Bands machen's ja auch mit ihrem Corpsepaint. Ich find's immer lustig, wenn dann Black Metal-Fans sich über Power Metal lustig machen. Wenn diese Bands dann mit Blut herumschleudern und Stierköpfe auf der Bühne aufstellen, ist das natürlich auch sehr lächerlich, aber es gehört halt als Ausdrucksform dazu und soll eben so sein.

Metalfanatics: Wobei hier ja auch durchaus reale Probleme angesprochen werden mittels Aktionismus... z.B. Vegetarismus etc.

Siegfried: Ja, das stimmt natürlich. Es gibt sicherlich viele Bands, die mehr Aussage haben als wir, wenn es auch oft zweifelhafte Aussagen sind vom ideologischen Standpunkt her, wie man weiß. Das ist auch sicher eine Musikrichtung, die ernster sein möchte in ihren Messages. Für mich muss Musik in erster Linie Unterhaltung sein, wo ich meinen Kopf jetzt nicht unbedingt so super beanspruchen muss, wo ich auch eine Ausflucht aus der Realität habe. Das ist für mich eine Art der Unterhaltung. Das ist auch das, was wir transportieren wollen: Gute Laune verbreiten. Deshalb mag ich auch Bands wie Freedom Call, die auch extrem an der Grenze zur Lächerlichkeit vorbeischrammen, aber das ganz bewusst machen. Wir selbst sehen uns als positive Unterhaltungsband, wir sind sicher nicht für destruktive Stimmungen geeignet. Dafür sind Bands aus anderen Musikrichtungen sicher besser geeignet.

Metalfanatics: Würdet ihr auch gerne Fantasy-Elemente für eure Bühnenshow verwenden?

Siegfried: Wenn es sich finanzieren ließe, sicherlich, aber bevor man es halbgar macht, wo es dann komplett lächerlich wird, ist es besser, man lässt es ganz.

Metalfanatics: Wie stehst du eigentlich zu Pay to Play-Methoden und anderen modernen Voting-Aktionen, um live mehr zu erreichen?

Siegfried: Dank des Internets ist es bis zu einem gewissen Grad schon möglich, sich zu präsentieren und einen bestimmten Bekanntheitsgrad zu erlangen, aber ab einem bestimmten Zeitpunkt brauchst du die Tour. So läuft's halt. Irgendwo muss das Geld herkommen. Die CD-Verkäufe gehen zurück, also muss man sich auf den Live-Sektor verlagern. Wenn man bei diesen Spielchen nicht mitmacht, gibt’s halt 3-4 Bands, die das statt der eigenen Band machen. Wenn es von unserem Budget möglich ist und wenn uns was wirklich Interessantes angeboten wird vom Billing, würden wir das sicher in Betracht ziehen.

Metalfanatics: Wie siehst du eigentlich die österreichische Metalszene?

Siegfried: Eindeutig zu klein. Wenn ich da an Kamelot denke, die hier gar nicht auf Tour gehen können, weil zu wenig Leute kommen und die gleiche Band in Köln vor 3000 Leuten spielt. Bei uns kämen zu Kamelot 200. Das ist zu wenig für das, was wir an Publikum hätten. Ich weiß, dass viele Konzerte stattfinden und eine Übersättigung da ist in jedem Genre und es ist auch vieles gut besucht, aber eine hervorragende Band wie Kamelot findet bei uns überhaupt nicht statt, was ich schade finde. Es hängt sicherlich auch zusammen mit der Tatsache, dass Metal in Medien überhaupt nicht stattfindet.

Metalfanatics: In zeitgenössischen Kultur-Zirkeln kommt Power Metal definitiv nicht vor. Wieso glaubst du, ist das so?

Siegfried: Ich glaube, die Leute wissen gar nicht Bescheid, wie viele Abstufungen und Stile es im Metal gibt. Womöglich orientieren sich viele dabei dann auch nur an den ganz harten Bands und wissen wenig über die melodischen Strömungen. Auch ist nicht bekannt, dass Metal nach Klassik, Jazz etc. eine der anspruchsvollsten Musikrichtungen ist und technisch viel mehr dahintersteckt, als z.B. in der Popmusik.

Metalfanatics: Was hörst du privat außer Metal?

Siegfried: Ich höre eigentlich alles, von ABBA bis ZZ Top. Zusätzlich auch gerne Soundtracks. Alles von Rock, Pop, Jazz und Metal natürlich. Was ich nicht so gerne hören würde privat, wäre Hip Hop, elektronische Musik, House etc. Das gibt mir einfach nichts.

Metalfanatics: Wie könntet ihr als Band Power Metal auch in Wien wieder populärer machen?

Siegfried: Es ist wichtig, dass man Qualitätskonzerte bringt mit Bands, die jetzt nicht übermäßig bekannt sind, aber wo man weiß, die bringen eine gute Liveshow. Wir haben 2009 mit Ecliptica angefangen, das Night of Power zu veranstalten, wo wir Serenity nach 5 Jahren das erste Mal nach Wien geholt haben. Wir hatten mit 3 Bands fast 400 Leute in der Szene Wien. Die Leute haben gesehen, dass es auch noch was anderes gibt und es ist dabei auch wichtig, dass man Leute zu den Konzerten bringt, die bis dahin nichts mit Metal zu tun gehabt haben, weil die Leute aus dem härteren Eck, wie z.B. Black Metal, Death Metal-oder Metalcore, wird Power Metal nicht gefallen, auch wenn die besten Bands der Welt spielen. Man muss eher Leute überzeugen, die Pop oder normalen Rock hören. Da ist dann der Sprung auch nicht mehr so groß.

Metalfanatics: Also mit Mainstream-Publikum habt ihr kein Problem?

Siegfried: Das ist für uns völlig okay und ein solches Publikum können wir eher begeistern, als die harte Ecke.

Metalfanatics: Danke fürs Interview und viel Erfolg mit dem neuen Album....

Siegfried: Wir danken auch für die Unterstützung...
Das Interview führte: Aamon

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